Frau Eggert, Herr Zierer, zahlreiche Länder, darunter auch Deutschland, diskutieren ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Sie beide gehören der unabhängigen Expertenkommission an, die die Bundesregierung hierzu berät. Was nehmen Sie aus der gemeinsamen Arbeit mit?
Eggert: Aus meiner Sicht müssen Schutz, Befähigung und Teilhabe immer zusammen betrachtet werden. Denn für junge Menschen sind Online- und Offline-Welten heute untrennbar miteinander verschränkt; sie fließen ineinander. Digitale Räume dienen ihnen dabei als wichtige Orte der Kommunikation und des Austauschs. Diese Erkenntnis hat sich auch als Basis der Kommissionsarbeit herauskristallisiert.
Zierer: Die Kommission war eine interdisziplinäre Runde, die sehr gewinnbringend gearbeitet hat. Man muss aber auch erkennen, dass am Ende eines Tages nicht alle Akteure einer Meinung waren. Die Handlungsempfehlungen beruhen daher auf Mehrheitsbeschlüssen. Wenn ich allein als Schulpädagoge spreche, halte ich es nach wie vor für wichtig, dass wir zwischen digitalen und analogen Räumen trennen. In manchen Situationen ist Schutz unabdingbar und schließt Teilhabe zunächst aus.
Können Sie das etwas genauer beschreiben?
Zierer: Gerade in jungen Jahren müssen wir den spielerischen, unmittelbaren und begegnungsorientierten Zugang zur Welt stärken, über den sich kognitive, soziale, motivationale und emotionale Fähigkeiten entwickeln. Nach Ansicht des amerikanischen Soziologen Jonathan Haidt haben wir aber die spielbasierte einer bildschirmbasierten Kindheit geopfert – mit Entwicklungsschwierigkeiten bei Kindern wie Sprachdefiziten, Aufmerksamkeitsstörungen und sozialen Problemen. Deshalb stehen Schutz, Teilhabe und Befähigung nicht nur nebeneinander; mitunter braucht es eine Hierarchie.
Was folgt für Sie daraus?
Zierer: Ich halte ein Verbot Sozialer Medien wie in Australien durchaus für denkbar. Auf den Begriff reagieren viele allergisch, aber mit einem geeigneten Regelwerk ist bis zu einem bestimmten Alter manches erlaubt, anderes nicht. Das ist bei der Nutzung von Social Media aus meiner Sicht dringend nötig. Aufgrund ihres suchtfördernden Designs überfordern sie Kinder grundsätzlich. Denn der für die Impulssteuerung entscheidende präfrontale Cortex ist frühestens mit 16, im Durchschnitt erst mit 24 Jahren ausgereift. Zehn- oder Elfjährige können ihren Medienkonsum neurologisch noch nicht vollständig kontrollieren und brauchen Schutz und Unterstützung. Auch eine Altersgrenze von 13 Jahren halte ich für fragwürdig, weil Mädchen und Jungen zu dem Zeitpunkt in einer hochsensiblen Phase der Identitätsfindung ungefiltert etwa mit Schönheitsidealen und anderen Einflüssen konfrontiert werden. Aus schulpädagogischer Sicht kommen wir um ein Verbot nicht herum, wenn wir Fehlentwicklungen in den Griff bekommen wollen.
Eggert: Das sehe ich anders. Ich bin gegen ein grundsätzliches Verbot. Wenn Kinder zu Hause heute schon mit KI-Spielzeug wie zum Beispiel Lernrobotern, KI-basierten Spielzeugrennbahnen, aber eben auch internetfähigen Puppen und Kuscheltieren aufwachsen, kann die Grundschule nicht so tun, als gäbe es das Thema nicht. Wir müssen fächerübergreifend mit den Kindern darüber sprechen, was die Technik kann und wie sie funktioniert. So lernen sie früh, diese zu reflektieren. Zugleich kann KI Lernaufgaben an den Entwicklungsstand anpassen und Lehrkräfte dabei unterstützen, individueller auf Kinder einzugehen.
Und, Herr Zierer, Ihrer Aussage, digitale Medien beeinträchtigten die Sprachentwicklung, muss ich widersprechen. Das zeigen unter anderem meine Auswertungen aus Filmprojekten mit Kita-Kindern. Besonders diejenigen mit Migrationshintergrund achteten beispielsweise beim Einsprechen darauf, deutlich zu sprechen und die richtigen Worte zu verwenden. Das war für ihre Sprachentwicklung unheimlich wertvoll. Auch Ihr Argument gegen die Nutzung von Social Media ab 13 Jahren teile ich nicht. Gerade, weil Jugendliche in dem Alter mitten in der Pubertät sind, dürfen wir Soziale Medien nicht aus ihrer Entwicklung heraushalten. Denn dort diskutieren sie, probieren sich aus und gleichen Meinungen ab – wichtig für die Entwicklung eines tragfähigen Werte- und Normensystems. Wir müssen sie dabei jedoch begleiten, damit sie Vorstellungen außerhalb ihrer Bubble kennenlernen und nach unangenehmen Erfahrungen nicht verstummen. Diese Erfahrungen sind wichtig, auch für eine – aus meiner Sicht notwendige – Senkung des Wahlalters.
„Wir müssen fächerübergreifend mit den Kindern darüber sprechen, was die Technik kann und wie sie funktioniert. So lernen sie früh, diese zu reflektieren.“
Dr. Susanne Eggert Medienpädagogin und Direktorin am JFF – Institut für Medienpädagogik
Wie sieht eine adäquate Medienbegleitung aus Ihrer Sicht aus?
Eggert: Ein Dreijähriger darf mit einem Handy ebenso wenig allein bleiben wie ein Achtjähriger mit einem nicht altersentsprechenden Videospiel. Eltern sollten die digitalen Spielzeuge ihrer Kinder kennen und mit ihnen ausprobieren, um begründet zu entscheiden, was sie erlauben. Zugleich müssen Plattformanbieter stärker in die Pflicht genommen und bestehende Gesetze durchgesetzt werden: Jugendschutz muss by design und by default erfolgen.
Zierer: Da sind wir uns einig: Verbot oder Regulierung heißt nicht, die digitale Lebenswelt auszublenden. Medienerziehung gehört per se zur und in die Schule. Entscheidend sind die Gewichtung und die Frage, welche zusätzlichen Inhalte wir der Schule zumuten. Denn die eigentliche Bildung ist mehr als ein Lernergebnis; nämlich Autorschaft des eigenen Lebens. Dazu gehören auch Soziales, Selbsterfahrung, Sinnsuche und die Reflexion darüber, wer wir sind und was wir als Gesellschaft erreichen wollen.
Das Wahlalter kann man senken, aber nur zusammen mit tragfähigen Konzepten zur Demokratieerziehung, die Schulen heute fehlen. Dieses Wissen müssen wir unbedingt stärken. Allein das Wahlalter zu senken und 16-Jährige für demokratiefähig zu erklären, reicht nicht. Und da liegt aus meiner Sicht der Bezug zu Social Media: Demokratiefähigkeit lernt man am besten in realen Räumen: Menschen diskutieren, hören Argumente, streiten, gehen auseinander und kommen wieder zusammen. Das bieten soziale Medien nicht. Dort spielen Algorithmen einmal gelikte Argumente immer wieder aus; auch links- oder rechtsextreme Gruppen dringen stark ein. Diesen „falschen Freunden“ sind junge Menschen besonders ausgesetzt, solange ihnen Erfahrung und entwickelte Vernunftfähigkeit fehlen.
Eggert: Ich stimme Ihnen zu, dass wir die Demokratiefähigkeit stärken müssen. Digitale und Soziale Medien können wir aus der Entwicklung jedoch aus meiner Sicht nicht heraushalten: Jugendliche werden immer auch Beispiele zu Demokratiefragen aus der digitalen Welt bringen. Diese müssen wir aufgreifen, gemeinsam analysieren und kritisch diskutieren. Medienkompetenz sollte heute im Dreiklang durch schulische Medienbildung, außerschulische Förderung und Medienerziehung in der Familie gestärkt werden – und zwar von Anfang an.
Zierer: Kompetenzen stärken und Soziale Medien einbeziehen, damit bin ich einverstanden. Offen bleibt aber nach wie vor, wann dafür das richtige Alter ist: Ich plädiere für 16 Jahre, weil dann aufgrund der kognitiven Entwicklung und veränderten Sichtweise eine vernünftige Diskussion eher möglich ist als im Alter von 13 Jahren.
Eggert: Mir ist einfach wichtig in die Diskussion um Verbote und Regulierungen einzubeziehen, was Kinder und Jugendliche sagen. Es wäre unfair, ihnen etwas zu verbieten, das sie liebgewonnen haben, zu ihrem Alltag gehört und ihnen von den Eltern vorgelebt wird. Stattdessen sollte sich das Verbot an die Anbieter richten, die ihre Plattformen entsprechend gestaltet haben.
Zierer: Bei Plattformen und Tech-Konzernen sind wir uns ebenfalls einig, Frau Eggert: Apps und Hardware brauchen unbedingt Schutzdesign. Als Bildungsnation muss Deutschland reagieren, sonst drohen viele Bildungsverlierer. Und um Jonathan Haidt noch mal zu nennen: Depressionen, Vereinsamung, Ängste und körperliche Probleme hängen zwar nicht eindeutig, aber zeitlich mit der Digitalisierung der kindlichen Lebenswelt zusammen. Meine Linie lautet: Pädagogik vor Technik. Wir müssen die Lebenswelt, wie sie ist, nicht hinnehmen, sondern können sie in unserem Sinne gestalten.
„Pädagogik vor Technik. Wir müssen die Lebenswelt, wie sie ist, nicht hinnehmen, sondern können sie in unserem Sinne gestalten.“
Prof. Dr. Klaus Zierer Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg
Welche Verantwortung liegt beim Thema Medienerziehung in den Familien?
Eggert: Ein zentraler Hebel sind Eltern als Vorbilder. Statt nur zu verbieten, müssen sie Kinder begleiten und Medien gerade in deren Gegenwart sensibel, bewusst und reflektiert nutzen. Das geschieht noch zu selten. Wir müssen Eltern unbedingt in ihrer Rolle stärken.
Zierer: Da stimme ich zu: Eltern müssen gestärkt und aufgeklärt werden, denn sie sind der wichtigste Hebel für Bildungserfolg. Was zu Hause schiefläuft, lässt sich anderswo nur mit großem personellem und finanziellem Aufwand auffangen. Vielen Erwachsenen ist nicht bewusst, dass ständiges Wischen auf dem Smartphone und mangelnde Ansprechbarkeit Kindern schadet. Über alle Bildungseinrichtungen hinweg müssen Eltern dafür sensibilisiert werden, Geräte beiseitezulegen, analoges Vorbild zu sein und besser gemeinsam zu lesen, statt Kinder vor das Tablet zu setzen.
Aufgezeichnet von Julia Hoscislawski.
Susanne Eggert
Dr. Susanne Eggert ist Direktorin am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München. Der Schwerpunkt der medienpädagogischen Forschung am JFF liegt darauf, die Bedeutung von digitalen Medien für Kinder und Jugendliche zu verstehen. In der besonderen Verbindung von Forschung und pädagogischer Praxis entwickelt das Institut neue Modelle, die Kinder und Erwachsene dabei unterstützen, Medien selbstbestimmt und souverän zu nutzen.
Klaus Zierer
Prof. Dr. Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und Hochschullehrer. Er ist seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Davor war er von 2011 bis 2015 als Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.