Frau Stantcheva, ein großer Teil Ihrer Forschung beschäftigt sich damit, wie Menschen Wirtschaftspolitik verstehen und bewerten. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?
Steuern beeinflussen, wie Menschen konsumieren, sparen, investieren oder ihren Wohn- und Arbeitsort wählen. Ein sinnvoll konzipiertes Steuersystem kann daher Produktivität und Wachstum fördern, ein schlecht ausgestaltetes dagegen Schaden anrichten. Doch selbst bei ökonomisch sinnvollen politischen Maßnahmen kann es sein, dass sie nicht zum Ziel führen, wenn die Menschen sie nicht verstehen, sie als unfair empfinden oder schlicht ablehnen. Für mich stellte sich daher eine grundsätzliche Frage: Wie bilden Menschen ihre Meinung über Wirtschafts- und Sozialpolitik, und woran liegt es, ob sie diese unterstützen oder nicht?
Warum ist es so schwierig, der Öffentlichkeit komplexe wirtschaftspolitische Maßnahmen zu vermitteln?
Die meisten Menschen bringen aus der Schule nur wenig Wissen über Wirtschaft mit. Wir lernen dort zwar Biologie, Physik und Geschichte, aber fast gar nicht, wie eine Volkswirtschaft funktioniert. Die wenigsten verstehen, wie sich Steuern, Zinsen und Staatsausgaben auf Haushalte, Unternehmen und die Wirtschaft insgesamt auswirken. Dennoch sollen wir als Bürger und Wähler ständig wirtschaftspolitische Entscheidungen beurteilen und Reformen bewerten. Wir sollen entscheiden, ob wir sie für fair, wirksam oder akzeptabel halten. Das ist angesichts der fehlenden Vorkenntnisse schwierig.
Hinzu kommt die Frage des Vertrauens. In stark polarisierten Gesellschaften halten viele Menschen politische Entscheider für parteiisch. Deshalb zweifeln sie auch an den Informationen, mit denen diese ihre Politik begründen. Dass sich Menschen heute aus immer unterschiedlicheren Medien und Plattformen informieren, verstärkt dieses Misstrauen zusätzlich. Aus meiner Sicht spielen deshalb Ökonomen und unabhängige Institutionen eine wichtige Rolle: Sie könnten politische Maßnahmen glaubwürdig und überparteilich erklären.
Können Sie ein Beispiel für eine politische Maßnahme nennen, deren Ziel viele Menschen zwar grundsätzlich unterstützen und die trotzdem keine breite Zustimmung findet?
Ein gutes Beispiel ist die Klimapolitik. In einer Studie in mehr als 20 Ländern, darunter auch Deutschland, haben wir untersucht, wie Menschen CO₂-Steuern, Investitionen in klimafreundliche Infrastruktur und regulatorische Maßnahmen bewerten. Zum einen wollen die Menschen wissen, ob eine Maßnahme tatsächlich funktioniert und zum anderen, was sie ganz konkret für sie selbst bedeutet. Entscheidend ist also nicht nur das Ziel der Maßnahme, sondern ob sie als wirksam und fair wahrgenommen wird. Letzteres ist gerade in der Klimapolitik besonders wichtig, denn Haushalte mit niedrigeren Einkommen können relativ stärker belastet werden als finanzkräftigere Haushalte. Die Menschen lehnen die Maßnahmen also nicht unbedingt ab, weil ihnen der Klimawandel egal ist, sondern weil sie davon ausgehen, dass die Kosten am Ende unfair verteilt werden.
"Aus meiner Sicht spielen Ökonomen und unabhängige Institutionen eine wichtige Rolle: Sie könnten politische Maßnahmen glaubwürdig und überparteilich erklären."
Stefanie Stantcheva Nathaniel-Ropes-Professorin für Politische Ökonomie, Harvard University
Was können politische Entscheider daraus lernen?
Eine wichtige Erkenntnis ist: Reformen müssen in der richtigen Reihenfolge umgesetzt werden, die Sequenzierung spielt eine wichtige Rolle. Wenn auf die Menschen dabei kostspielige Veränderungen zukommen, sollte der Staat erst einmal für die nötige Unterstützung und Förderung sorgen und auch die Infrastruktur dafür schaffen. Erst dann sollten die neuen Pflichten und Belastungen folgen. Ein zweiter Punkt betrifft die Kommunikation: Informationen wirken glaubwürdiger, wenn sie von unabhängiger Seite kommen und nicht von der Regierung, die für die Reform wirbt. Nicht nur die Quelle, auch die Art und Weise der Informationsvermittlung sind wichtig. Oft existieren zwar vorab gute Analysen, aber sie sollten so aufbereitet werden, dass Menschen sie leicht verstehen und sich mit ihnen auseinandersetzen können.
Ihre jüngste Forschung zeigt, dass Emotionen eine wichtige Rolle dabei spielen, wie Menschen auf politische Maßnahmen reagieren. Wie messen Sie diese Emotionen, und wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert?
Um emotionale Inhalte zu untersuchen, nutzen wir sehr unterschiedliche Quellen – von sozialen Medien bis zu Parlamentsreden. Diese Auswertungen ergänzen wir durch Experimente, die zeigen, wie Emotionen politische Einstellungen verändern. Was dabei besonders auffällt, ist die Wut. Während andere Emotionen wie Angst, Hoffnung und Freude vergleichsweise stabil geblieben sind, hat die Wut in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Es ist allerdings kein linearer Trend, der sich über 200 Jahre erstreckt. In historischen Parlamentsprotokollen finden wir Phasen mit mehr und weniger Wut, die während Kriegen und großen Krisen stark zunimmt. Erstaunlich ist aber, wie stark der jüngste Anstieg von Wut im Vergleich zu diesen langfristigen Schwankungen ausfällt.
Zeigt sich das bei Politikern und Bürgern gleichermaßen?
Nicht ganz. Politiker äußern mehr Wut, wenn ihre Partei nicht an der Macht ist, und weniger, wenn sie regiert. Zumindest in den USA folgt ihre Wut also politischen Zyklen. Bei den Bürgern hält sie dagegen länger an. Das zeigt sich wiederum besonders deutlich in den US-Daten. Und nach einem politischen Machtwechsel klingt die Wut auch nicht in gleicher Weise ab.
Wut richtet sich oft gegen einen Sündenbock. Das führt zu einem weiteren Aspekt Ihrer Forschung: dem Nullsummen-Denken. Was steckt dahinter und woher kommt es?
Es ist die Überzeugung, dass sobald ein Mensch oder eine Gruppe etwas gewinnt, ein anderer verlieren muss. Diesem Verständnis nach ist die Wirtschaft ein Kuchen, der eine feste Größe hat, eine Idee, die wir in vielen politischen Narrativen finden. Profitiert China vom Handel, verlieren die USA. Finden Einwanderer Arbeitsplätze, gehen Einheimische leer aus. Steigen Frauen beruflich auf, ist das zum Nachteil der Männer. Überraschend ist, dass in Ländern mit hohem Lebensstandard – wie Deutschland und den USA – die jüngeren Generationen häufiger in solchen Nullsummen-Kategorien denken als ältere. Das hängt auch mit ihren wirtschaftlichen Erfahrungen zusammen. Die Jüngeren sind in einer Phase geringeren Wachstums und schwächerer sozialer Mobilität aufgewachsen. Nullsummen-Denken ist deshalb nicht einfach nur eine psychologische Verzerrung. Es lässt sich zumindest teilweise mit den Bedingungen erklären, die Menschen tatsächlich erlebt haben.
"Nullsummen-Denken ist nicht einfach nur eine psychologische Verzerrung. Es lässt sich zumindest teilweise mit den Bedingungen erklären, die Menschen tatsächlich erlebt haben."
Stefanie Stantcheva Nathaniel-Ropes-Professorin für Politische Ökonomie, Harvard University
Wie beeinflusst Nullsummen-Denken politische Einstellungen?
Besonders interessant ist, dass es sich nicht eindeutig dem Links-Rechts-Schema zuordnen lässt. Wer glaubt, dass Reiche auf Kosten der Armen gewinnen, unterstützt vielleicht höhere Steuern und einen stärkeren Sozialstaat, eine klassisch linke Position. Dieselbe Person kann zugleich strengere Regeln für Zuwanderung befürworten, weil sie Vorteile für Einwanderer als Nachteile für die einheimische Bevölkerung wahrnimmt. Das wäre dem rechten Spektrum zuzuordnen. Nullsummen-Denken kann deshalb zu politischen Positionen führen, die sowohl eher der Linken als auch eher der Rechten zugerechnet werden.
Welche Verantwortung tragen Unternehmen in einer digitalen Welt, die Wut und Empörung belohnt und zunehmend von KI geprägt wird?
Wenn es darum geht, negative Emotionen, Polarisierung und problematische Anreizstrukturen in digitalen Medien einzudämmen, muss die Politik vorangehen. Unternehmen haben aber politischen Einfluss – durch Lobbyarbeit, Verbände oder den direkten Austausch mit politischen Entscheidern. Ein wichtiger Beitrag besteht deshalb darin, politische Maßnahmen zur Lösung dieser Probleme nicht zu behindern. Oft ist es effektiver, wirksame politische Lösungen zu unterstützen, als auf einzelne freiwillige Maßnahmen im eigenen Unternehmen zu setzen. Gleichzeitig tragen Unternehmen unmittelbar Verantwortung für das Umfeld, das sie selbst schaffen. Führungskräfte sollten darauf achten, dass weder Wut noch Nullsummendenken die Unternehmenskultur bestimmen und dass Entscheidungen als fair wahrgenommen werden.
Das Interview führte Michael Hasenpusch.
Stefanie Stantcheva
Die Ökonomin ist Inhaberin des Nathaniel-Ropes-Lehrstuhls für Politische Ökonomie an der Harvard University und Gründerin des Social Economics Lab. Sie forscht zu Steuern, Innovation, Bildung, sozialer Mobilität und wirtschaftspolitischen Einstellungen. 2025 erhielt sie die John Bates Clark Medal, die jährlich an herausragende Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler unter 40 Jahren verliehen wird. Sie ist Mitherausgeberin des Quarterly Journal of Economics.